Frau Rapunzel und ihre eins, zwei, drei, vielen Anliegen

Es war einmal eine Frau die zu uns auf Station kam und dessen Nachnamen sich niemand merken konnte. Als einige Zeit vergangen war und wir sie und ihre Macken besser kennen gelernt hatten, erachteten wir den Namen „Rapunzel“ als äußerst passend, denn ihre Haare waren so lang und ihr Bett so hoch, dass es einem Turm glich...

Man kann sagen, dass Frau Rapunzel ihren eigenen Tagesrhythmus hat, den sie auch nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt nicht abzulegen vermag. Jegliche Versuche, sie unserem Rhythmus anzupassen, sind bisher kläglich gescheitert und so kommt es, dass sie sich grundsätzlich dann wäscht, wenn andere Patienten essen und dann isst, wenn andere Patienten schlafen möchten.
Da Frau Rapunzel ihr Bett nicht verlassen darf und somit stets auf einen Handlanger angewiesen ist, liegt es nahe, dass das nicht immer ganz einfach ist. Im Prinzip bräuchte Frau Rapunzel eine Privatschwester, bzw. einen Privatpraktikant (wobei sie uns Praktikanten den examinierten Krankenschwestern gleichstellt, da sie den Begriff „Praktikant“ für abwertend hält), der sie rund um die Uhr betüttelt.
Den Alltag von und mit Frau Rapunzel muss man sich in etwa so vorstellen:
Punkt 8 Uhr wird das Frühstück verteilt, das in ihrem Fall das allerdings spätestens beim Servieren des Mittagessens ausgemistet wird, da noch nicht angerührt da noch keine Zeit gehabt wegen opulenter, mehrstündiger Waschprozedur: Das Frühstückstablett darf bis auf ein paar Kleinigkeiten (meistens die Brezel, die Pampelmuse und die 0,3l Apfelsaftflasche) wieder mitgenommen werden. De facto besteht ihr Mittagessen aus dem normalen Mittagessen plus Brezel plus Pampelmuse plus Apfelsaft. Da sich Frau Rapunzel zur Mittagszeit jedoch meistens von ihrer Waschprozedur erholen muss, soll das Tablett auf dem Tisch am Fenster zwischengelagert werden. Sobald die Siesta beendet ist – was meistens am frühen Nachmittag der Fall ist – betätigt Frau Rapunzel die Glocke und fordert ihr Mittagessen ein (ungünstigerweise natürlich genau während der Übergabe an die Spätschicht), welches aufgrund der verstrichenen Zeit und der damit einhergehenden Temperaturabkühlung noch einmal in den Ofen geschoben werden muss. (Der Gebrauch einer Mikrowelle wird uns bei der Wiederaufwärmung ihrer Mahlzeit jedoch strengstens untersagt. Böse Strahlung und so...).
Da das Abendessen in unserem Krankenhaus bereits um 16.30 Uhr ausgeteilt wird, wird auch diese Mahlzeit von Frau Rapunzel allerfrühestens zwei Stunden später eingenommen. Ist dies schließlich geschehen, darf man das Tablett dann letztendlich abräumen – als „letzte gute Tat vor dem Feierabend“, wie sie immer sagt. Die Brezel vom Frühstück ist mittlerweile in etwa so trocken wie ein Kaninchenfurz und darf daher mit abgeräumt werden. Die Flasche Apfelsaft wird auf dem ohnehin schon belagerten Nachttisch gebunkert, die Pampelmuse auf dem Sideboard über dem Bett (wo sich schon die Pampelmusen der gesamten vergangenen Woche ansammeln).
Was das Essen angeht ist Frau Rapunzel eine sehr anspruchsvolle Patientin. So ist es schon des Öfteren vorgekommen, dass die Mitarbeiter in der Küche einen entrüsteten Anruf von ihr erhalten haben wonach die „Gemüsecremesuppe“, die ihr vorgesetzt wurde, „ungenießbar“ und „nichts weiter als heißes Wasser mit ein paar Gewürzen“ gewesen sei. Ein beliebter Zeitvertreib von ihr ist daher in der Klinikküche anzurufen und Rezepte zu diktieren.
Neben dem Essen hat Frau Rapunzel auch ziemlich genaue Vorstellungen von der optimalen Standposition ihres Bettes. So muss ihr Bett immer ganz akkurat im Zimmer platziert werden: diagonal im Zimmer, ganz nach oben gepumpt, mit Ausblick auf den Mitarbeiterparkplatz. Könnte Frau Rapunzel aufstehen, würde sie sicher ihre Wunschposition mit Kreide auf dem Klinikboden einzeichnen.
Da Frau Rapunzels Haarpracht so lang doch so verfilzt ist, kommt in der Regel einmal die Woche eine Bekannte von ihr, die ihr in einer mehrstündigen Prozedur (Tortur wäre in diesem Fall sicher auch eine treffende Bezeichnung) die Haare wäscht, entwirrt und kämmt.
Wenn Frau Rapunzel sich nicht gerade wäscht, speist oder sich die Haare entknoten lässt, missbraucht sie die Klingel. Dabei wartet sie jedoch immer, bis sich eine gewisse Anzahl an Wünschen angesammelt hat (um uns nicht zu sehr zur Last zu fallen, wie sie meint.)
Ihre Satzkonstruktionen sind immer nach folgendem Schema aufgebaut:

Schwester** + [Name] + ich hätte [Anzahl] Anliegen + Erstens + [Höflichkeitsfloskel] + [Bitte] + [Rechtfertigung/Begründung]

** wie bereits erwähnt wird jeder Klinikmitarbeiter von Frau Rapunzel mit ‚Schwester’ betitelt, sei es Krankenschwester, Praktikant oder Putzfrau. Ausgenommen sind Ärzte - die sind ‚Herr/Frau Doktor’.

Dabei wird in regelmäßigen Abständen eine länger oder kürzer andauernde Pause eingeführt.

Beispiel:

„Schwester Iiiisabell... (Pause)... ich hätte drei Anliegen... (noch längere Pause)... Erstens... (Pause)... würden Sie bitte die Güte haben die Badezimmertüre einen Spalt zu öffnen? (Pause) Der Geist ist nämlich wieder da.“ (Anmerkung: Bei besagtem „Geist“ handelt es sich lediglich um ein bisher ungeklärtes „Pfeifen“ der Lüftung im Bad, das nur dann auftritt wenn die Badtüre geschlossen ist).
Anstatt anschließend gleich mit ihrer „Anliegensliste“ fortzufahren wartet sie geduldig, bis Punkt eins ihrer Liste abgearbeitet wurde. „Zweitens... (Pause)...wären Sie bitte so freundlich, Schwester Iiiisabell, und ziehen Sie die Vorhänge so weit auseinander wie nur möglich... (Pause)... Ich möchte den gesamten Ausblick genießen.“

Mittlerweile ist Frau Rapunzel in die Reha verlegt worden und wenn sie nicht von ihrem Turm gefallen ist, lässt sie noch heute ihr Haar herunter.

10.5.09 21:27

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Habibi / Website (12.2.11 20:00)
Als ich das gelesen hab,hat mir das lesen echt spaß gemacht,DU solltest Schriftstellerin werden
Ich liebe Dich über alles mein Schatz!!!
dein Biber


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